Die geplante Umwandlung von COSMO in „1LIVE Street“ ist weit mehr als eine Programmreform. Sie steht beispielhaft für eine Entwicklung, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in seinem Kern trifft: die schleichende Verengung von Vielfalt zugunsten vermeintlicher Markenlogik und kurzfristiger Reichweitenziele.
COSMO ist kein Nischenangebot. Der Sender erreicht seit Jahren Menschen, die in den Programmen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sonst oft zu wenig vorkommen: Menschen mit Einwanderungsgeschichte, mehrsprachige Communities, international orientierte Hörerinnen und Hörer sowie all jene, für die kulturelle Vielfalt gelebte Realität ist. Gerade in einer vielfältigen Einwanderungsgesellschaft erfüllt COSMO einen Auftrag, der nicht beliebig durch andere Programme ersetzt werden kann.
Umso unverständlicher ist die Entscheidung, ausgerechnet dieses Angebot in ein auf eine deutlich jüngere Zielgruppe zugeschnittenes Untersegment einer Popwelle umzuwandeln. Aus einem journalistischen und kulturellen Angebot mit eigenständigem Profil soll ein formatierter Markenbaustein werden. Die geplante Konzentration auf eine engere Zielgruppe und bestimmte Musikgenres mag marktstrategisch begründbar erscheinen. Sie ist jedoch kein Ersatz für das, was COSMO bislang geleistet hat.
Vielfalt ernst nehmen!
Öffentlich-rechtlicher Rundfunk darf nicht allein danach bewertet werden, wie effizient er sich vermarkten lässt. Sein Auftrag besteht gerade darin, Angebote zu schaffen, die kommerzielle Anbieter nicht oder nicht in gleicher Weise leisten. Wer Vielfalt ernst meint, darf sie nicht dort abbauen, wo sie tatsächlich gelebt wird.
Besonders irritierend ist dabei, dass die Reform als Weiterentwicklung dargestellt wird, obwohl wesentliche programmliche Elemente wegfallen sollen. Mehrsprachige Angebote, internationale Perspektiven und die besondere journalistische Ausrichtung von COSMO drohen erheblich geschwächt zu werden. Gleichzeitig bleibt unklar, welchen konkreten Mehrwert die geplanten Veränderungen für Publikum, Programmqualität und öffentlich-rechtlichen Auftrag tatsächlich bringen sollen.
Hinzu kommt, dass bis heute keine überzeugende Erklärung vorliegt, welchen nennenswerten Beitrag diese Maßnahme zur finanziellen Konsolidierung leisten wird. Wenn durch eine Reform vor allem ein publizistisch einzigartiges Angebot verloren geht, während der Spareffekt begrenzt bleibt, stellt sich zwangsläufig die Frage nach den Prioritäten.
Entscheidung im Alleingang
Ebenso problematisch wie die inhaltliche Entscheidung selbst ist der Weg, auf dem sie zustande gekommen ist. Die Geschäftsleitung des WDR hat im Alleingang entschieden. Viele Mitarbeitende erfuhren von zentralen Weichenstellungen erst, als diese bereits weitgehend beschlossen waren. Redaktionen wurden unzureichend eingebunden, Kritik aus den Programmbereichen fand zu wenig Gehör, und auch die Kommunikation gegenüber Kooperationspartnern war offenbar von mangelnder Transparenz geprägt.
Ein öffentlich-rechtlicher Sender, der gesellschaftliche Teilhabe, demokratische Debattenkultur und Transparenz zu seinen Grundwerten zählt, muss diesen Maßstäben auch bei eigenen Reformprozessen gerecht werden.
Wir fordern deshalb eine offene Neubewertung der geplanten Umstrukturierung, eine transparente Darlegung ihrer programmlichen und finanziellen Folgen sowie eine ernsthafte Beteiligung der betroffenen Redaktionen und Kooperationspartner.
Die Debatte um COSMO ist mehr als eine Diskussion über einen Radiosender. Sie ist eine Debatte darüber, wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk seine Zukunft gestalten will: durch publizistische Vielfalt und gesellschaftliche Relevanz – oder durch die Vereinheitlichung von Programmen unter starken Marken.
Unverwechselbare Angebote stärken – nicht schwächen!
Wer den öffentlich-rechtlichen Rundfunk stärken will, sollte seine unverwechselbaren Angebote nicht schwächen. Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung, wachsender kultureller Vielfalt und eines erstarkenden Nationalismus braucht es mehr Räume für unterschiedliche Perspektiven, nicht weniger.
COSMO ist kein Randthema. COSMO ist ein Beispiel dafür, was öffentlich-rechtlicher Rundfunk leisten kann, wenn er seinen Auftrag ernst nimmt.
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AGRA – Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Redaktionsausschüsse
Sprecher*innen: Hubert Krech (ZDF), Alexandra Dietz (SWR), Gabriela Mirkovic (NDR)
Kontakt: sprecher@agra-rundfunk.de – http://blog.agra-rundfunk.de
Die AGRA ist die Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Redaktionsausschüsse (ARD, ZDF, Deutschlandradio und Deutsche Welle). Die Redaktionsausschüsse sind jeweils gewählte Vertreter der Redakteurinnen und Redakteure und setzen sich für die innere und äußere Pressefreiheit ein. Die Redakteursmitwirkung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk wurde vom Bundesverfassungsgericht bestätigt und ist in mehreren Bundesländern gesetzlich festgeschrieben.
